Nichts verloren und doch alles gewonnen

 

 

Mit 37 Jahren dachte ich, mein Leben wäre am Ende. Nach einigen gescheiterten Beziehungen, zwei unehelichen Töchtern, unzählbaren Versuchen mein Leben in den Griff zu bekommen, saß ich am Steuer unseres Autos an der Einmündung zur Hauptstrasse. Den Kopf auf das Lenkrad gestützt, den Tränen freien Lauf gebend, gab ich auf. Es sollte endlich jemand anders über mein Leben bestimmen, ich konnte es nicht mehr, ich war einfach unfähig mein Leben sinnvoll zu gestalten und dabei auch noch die Verantwortung für zwei Kinder zu übernehmen. Horoskope, Kartenlegen, Feng Shui, Pendeln und noch einiges mehr habe ich versucht. Jedes Mal hatte ich die Hoffnung, jetzt wird es klappen, jetzt habe ich den Weg zu einem zufriedenen und erfüllten Leben gefunden.

Die Mädchen, sie waren 13 und sechs, würden sicher besser dran sein ohne mich. Besser ohne Mutter, als weiterhin solch ein Leben mit ständigen Umzügen, Beziehungskrisen, Geldmangel, Tränen, Wutausbrüchen, Hilflosigkeit, Verzweiflungen.

Der Baum war mir schon vor sieben Jahren aufgefallen. Nicht sehr dick, aber wenn man direkt auf ihn auffährt, dann würde es klappen.

Ich wollte nur weg, raus aus diesem kaputten Leben. Meine Schwester ist verheiratet mit zwei tollen Kindern, einem liebenden Ehemann und einem Einfamilienhaus mitten in der Stadt. Mein Bruder, ebenfalls verheiratet und mit einer bezaubernden dreijährigen Tochter, lebt in einem Eigenheim auf dem Land. Meine Mutter hielt mir beide ständig vor Augen. Gesagt hatte sie es nie, aber sie ließ es mich merken, dass ich versagt habe. Dabei bin ich sogar die Älteste von uns Drein.

Meine ältere Tochter ging in den Konfirmandenunterricht. „Mami, komm doch mal mit in den Gottesdienst. Ich will da nicht immer alleine hingehen!“

Ich saß noch immer im Auto, da fiel mein Blick auf den kleinen Schaukasten der Kirchengemeinde. Ich fuhr hin und schaute einfach darauf. Er war mir noch nie aufgefallen. Ein kleiner unscheinbarer Schaukasten aus Holz unter einem Baum beim kleinen Einkaufsmarkt. Am kommenden Sonntag wäre ein Gottesdienst - sogar hier im Ort im Gemeindezentrum. Ok, dachte ich. Da würde sich meine Tochter sicher freuen, wenn ich mal mitginge.

Ich stand tatsächlich früh am Sonntag auf, zog mich fein an. Schließlich geht man anständig in die Kirche. Das kannte ich noch von früher – Heiligabends gingen wir immer in die Kirche. Zumindest wir Kinder. Auch mit meinen Kindern ging ich hin. Es war immer eine so warme Atmosphäre. Die wollte ich den beiden Mädchen (und auch mir) nicht verwehren – diese warme Geborgenheit – wenigstens für eine gute Stunde.

Als wir im Gemeindezentrum ankamen, setzte ich mich ziemlich weit nach hinten auf die Klappstühle im hinteren Winkel. Allerdings konnte ich immer noch den Pastor sehen. Selber wollte ich aber nicht gesehen werden.

Der Gottesdienst begann. Das Orgelvorspiel langweilig. Naja, das kannte ich ja. Die Begrüßung durch den Pastor, eine Gebet. Dann spielte er mit einem Mal Gitarre. Oh Mann dachte ich, das ist neu. Dann kam die Predigt. Ich kann mich nicht mehr an den Predigttext erinnern, auch nicht an die Bibelverse. Doch ich wurde im Verlauf immer kleiner auf meinem Stuhl. Der Typ da vorne redet doch über mich. Über kaputte Menschen, Versagern, über „Ausgestoßene“ der Gesellschaft. Und er erzählte von Gott, der angeblich diese Figuren liebt. Jeder dürfe so zu ihm kommen, wie er ist: man müsste nicht eine Superfigur haben, Nichtraucher sein, erfolgreich im Beruf sein, verheiratet mit Eigenheim, immer glücklich und zufrieden lächelnd durch die Straßen gehen, ständig hilfsbereit und spendabel sein. Mir liefen die Tränen – schon wieder. Aber dieses Mal nicht aus Verzweiflung, sondern aus tiefstem Herzen.

 

 

Nach der Predigt kam ein Lied, das mir den Rest gab:

 

Wo ich auch stehe, du warst schon da.

Wenn ich auch fliehe, du bist mir nah.

Was ich auch denke, du weißt es schon.

Was ich auch fühle, du wirst verstehen.

 

Und ich danke dir, dass du mich kennst

Und trotzdem liebst, und dass du mich beim Namen nennst

Und mir vergibst.

 

Herr, du richtest mich wieder auf,

und du hebst mich zu dir hinauf.

 

Ja ich danke dir, dass du mich kennst

Und trotzdem liebst.

                                               (Albert Frey zu Psalm 139)

 

Konnte das wirklich alles wahr sein? Gibt es ihn wirklich, diesen Gott? Hat mein Leben einen Sinn? Eine Zukunft? War das nicht alles zu schön, um wahr zu sein? Ein Märchen?

Der Mann da vorne im schwarzen Talar sah doch eigentlich ganz normal aus. Nicht wie so ein weltfremder, alter, rauschbärtiger Typ, wie ich sie mir sonst so vorgestellt habe - mit betenden Händen und einem sanften Lächeln. Nein, der da vorne schmiss so einiges bei mir über den Haufen.

Nach dem Gottesdienst ging ich mit meiner Tochter nach Hause. Wir redeten auch nicht darüber. Ich ließ mir das alles durch den Kopf gehen. Ich beschloss, diesem Gott eine Chance zu geben. Was hätte ich zu verlieren? Der Baum stand vor einigen Jahren doch auch schon dort und er wird sicherlich noch eine Weile länger dort stehen.

Von dieser „Chance“, die ich Gott damals gab, wurde ich bislang nicht enttäuscht. Jeder Tag ist ein Abenteuer. Verloren habe ich nichts, aber gewonnen habe ich alles.

 

(2004)

 

 

Wer ich bin

 

Mein Name ist Hella Tromp und ich wohne bei Bremen - im schönen Norden von Deutschland. So wechselhaft wie das hiesige Wetter, so ist die Reise durch das Leben.

Meine beiden Töchter ( Saskia und Sabrina ) haben mein Leben so ungemein bereichert und mir gezeigt, die Welt mit anderen Augen, als nur mit den meinen zu sehen. Dankbar bin ich, zwei so wunderbare Menschen meine Kinder nennen zu dürfen. Sie in mir heranwachsen gespürt zu haben, sie auf diese Welt bringen zu dürfen und sie jahrelang um mich herum aufwachsen zu sehen, läßt mich teilhaben am größten Geschenk Gottes: das Leben. 

Mit mir durch mein Leben geht - wieder - Cees. Meine erste große Liebe und, wie sich erweist, auch die wahre Liebe. Kennengelernt haben wir uns vor nunmehr 29 Jahren. Auf meiner Abschlussfahrt nach Petten (Holland) lernte ich ihn kennen und lieben - aber das stellten wir erst viel später fest.

Beruflich arbeite ich in einer frauenärztlichen Gemeinschaftspraxis, wo ich die Freude habe, neues Leben heranwachsen zu sehen. In unserer evangelisch-lutherischen St.-Petri-Gemeinde bin ich ehrenamtlich in einer Frauengruppe (Atempause), im Layout-Team unserer Kirchenzeitung und im Team "Offene Kirche" tätig.

In meiner Freizeit lese ich gerne, studiere die Bibel und tausche mich darüber aus mit Freunden. Außerdem mag ich Fotografieren, Musikhören und mit meiner Hündin Svea durch die Felder zu streifen.

Meine größte derzeitige Herausforderung ist die Pubertät meiner jüngsten Tochter. Obwohl es eine anstrengende Zeit ist, so sehr genieße ich sie auch: ein Mensch entwickelt sich, stellt Erlerntes und Erfahrenens in Frage, geht Schritte in Richtung Unabhängigkeit, beobachtet und versucht Neues, wird erwachsen UND ist auch immer einmal wieder Kind, das geliebt und bemuttert werden will. Oftmals verstehen wir die Jugendlichen in diesem Altersabschnitt nicht - und sie sich selber auch nicht. Es ist eine Zeit des Umbruchs, eine Herausforderung an das Leben - für jeden Beteiligten.